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Krise und Gelegenheit

Wir befinden uns in der Krise: „Die Corona Pandemie konfrontiert uns mit etwas, das zuvor unmöglich schien: Die Welt, wie wir sie kannten, ist am Ende. Ganze Länder befinden sich in einem Lockdown, viele von uns stecken zuhause fest und sehen einer ungewissen Zukunft entgegen“[1]. Mit Slavoj Zizek ist unser Leben durch die Corona-Pandemie nicht nur aus dem Tritt geraten. Die aktuelle Corona-Krise markiert in seinen Augen einen Einschnitt, der verdeutlicht, dass wir nicht weitermachen können wie bisher. So wundert es nicht, dass es Zizek zufolge nicht ausreicht, sich „einfach nur an die Vorgaben [zu] halten und [zu] hoffen (…), dass in nicht allzu ferner Zukunft irgendeine Form von Normalität wiederhergestellt werde“. Vielmehr, so Zizek weiter, „bestehe kein Zweifel daran, dass wir es auch in Zukunft mit Seuchen (…) und anderen ökologischen Bedrohungen“[2] zu tun haben werden. Genau deshalb bestünde schon jetzt die Notwendigkeit, wichtige Entscheidungen zu treffen, zu handeln, um Dinge zu ändern. Als ob Zizek hier den Nerv der Zeit getroffen hätte, rief das Zukunftsinstitut um Matthias Horx kürzlich bereits das ›Jahr der Entscheidungen‹ aus und das Credo von der Krise als Chance, von dem ›Weckruf‹, mit dem die Krise uns klarmacht, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, begegnet uns an allen Ecken und Enden. 

Der Slogan von der Krise als Chance ist nicht neu. Das Verlassen der ›Komfortzone‹ aufgrund einer Krise wird auch dort als Startschuss eines vielleicht schmerzhaften, deshalb aber möglicher Weise umso erfolgreicheren Neubeginns ›verkauft‹, wo es um persönliche Krisen, um ein (kurzzeitiges) ›aus der Bahn geworfen sein‹ des Einzelnen geht. Hier ist der Neubeginn Ausweis dafür, eine Krise nicht nur unbeschadet, sondern möglichst ›erfolgreich‹ zu überstehen. Der Neubeginn steht dafür, auch auf ›böse Überraschungen‹ flexibel reagieren und die eigenen Kräfte bündeln zu können. „Im Sinne der Zukunft ist ein Neubeginn keine schlechte Botschaft“, so Matthias Horx vom Zukunftsinstitut. Das stimmt. Doch handelt es sich bei diesem Neubeginn nicht vielmehr um die Sicherung und Bestätigung des Bestehenden? Ist die Möglichkeit dieses Neubeginns nicht als Zeichen dafür zu werten, dass Krisen als etwas Unvermeidbares akzeptiert werden, die gut oder schlecht ›gemanagt‹ werden können? Wäre der Neubeginn, dann nicht einfach als Anpassung an eine brüchige und nicht kalkulierbare Normalität zu verstehen?     

Die von Zizek angesprochene Notwendigkeit, wichtige Entscheidungen zu treffen, zu handeln, um Dinge zu ändern, zielt in eine andere Richtung. Mit ihr geht es nicht darum, Überraschungen und Unsicherheit als neue Herausforderung dafür anzunehmen, das eigene Verhalten immer wieder möglichst schnell und effizient zu modifizieren, um sich an die wandelnden Bedingungen anzupassen. Ganz im Gegenteil, die von Zizek angesprochene Notwendigkeit dafür, wichtige Entscheidungen zu treffen, fußt darauf, mit Hilfe eben dieser Entscheidungen das Vorgefundene selbst als verhandel- und damit veränderbar aufzuzeigen.

Hier zeigt sich ein anderes Verständnis von Krise als Chance. Ein Verständnis, mit dem nicht die Krisenfestigkeit der Gesellschaft oder des Einzelnen beschworen wird, sondern in den Blick gerät, dass sich in Krisen Windows of Opportunity auftun - Möglichkeiten dafür, die Machbarkeit bestimmter Dinge oder Abläufe neu zu denken.    

Eine Krise zeigt, dass wir etwas nicht im Griff haben. Sie konfrontiert uns mit Zweifeln, sie schafft ein Bewusstsein dafür, dass etwas nicht stimmt, außer Tritt geraten ist. Genau hier öffnet sich die Gelegenheit, Perspektiven ein- und Verbindungen wahrzunehmen, die sich nicht an unumgänglich oder festgeschrieben erscheinenden Abläufen orientieren. Die Chance, in diesem Zusammenhang neue/andere Lösungen hervorzubringen, Lösungen, die sich von vorherigen Denkmustern grundsätzlich unterscheiden, ist dann gerade kein ›Weckruf‹ dafür, sich schnellstmöglich und umfassend auf das, was als nächstes kommt, vorzubereiten. Anstatt sich an die Gegebenheiten anzupassen und sich mit der Welt, in der wir leben abzufinden, zeugt das Ergreifen eines Window of Opportunity, die Artikulation oder Umsetzung einer im Moment als richtig empfundenen Sache davon, sich in die Welt, in der wir leben, einzuschalten. Genau das funktioniert allerdings nur im ›Hier und Jetzt‹: In der eigenen, situativen Beurteilung des Vorgefundenen. Einer Beurteilung im Wissen, eben nicht wissen zu können, was die Zukunft bringt. 

Sind es nicht genau diese Gelegenheiten, die Veränderung herbeiführen können? Veränderungen, die sich nicht darin erschöpfen, den Umgang mit dem, was ist, zu perfektionieren, sondern die vielmehr und stattdessen einen Neuanfang bezeichnen, der es ermöglicht, das, was ist, in Frage zu stellen? 

Der Aussage, dass ein Neubeginn eine gute Botschaft wäre, kann also durchaus zugestimmt werden. Der Prophezeiung, dass in diesem das Erfolgsversprechen liege, sich vor den Unwägbarkeiten der Zukunft zu schützen, jedoch glücklicherweise nicht. Dann nämlich wäre verpufft, was der Neubeginn als Chance bereithält: Die Gelegenheit zu wirklicher Veränderung.



[1] Zizek, Slavoj (2020): Pandemie! COVID-19 erschüttert die Welt. Wien, Passagen Verlag, S. 69

[2] ebda. S. 81