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Zu Besuch bei der Hannah Arendt Ausstellung in Berlin – September 2020

Von März bis Oktober 2020 fand im Deutschen Historischen Museum Berlin die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“

statt. Wie es der Titel bereits ankündigt, folgte die Ausstellung Hannah Arendts Blick, ihren Äußerungen und damit nicht zuletzt ihrem Einfluss auf die Ereignisse und die Geschichte des zurückliegenden Jahrhunderts.

Ob im Kontext des Eichmann Prozesses, der Rassentrennung in den USA, oder bezüglich des Erstarkens feministischer Bewegungen – die Ausstellung machte deutlich, dass sich Hannah Arendt immer wieder und immer wieder neu mit einer eigenen Haltung zu aktuellen Geschehnissen zeigte. Mit dieser Haltung wagte sie sich in die Öffentlichkeit. Nicht, um sich einer bestimmten Richtung anzuschließen. Im Gegenteil. Sie nahm das Wagnis der Öffentlichkeit auf sich, um durch und mit ihrer Haltung einen Anfang zu machen. Um durch und mit ihrer Haltung in den Austausch zu treten, um sich, wie sie selber es sagt, „in die Welt einzuschalten“.  

Und so war es vor allem ein Zitat von Hannah Arendt, an das ich während der Ausstellung immer wieder erinnert wurde:

 

„Ich war immer der Meinung, dass man so zu denken anfangen müsste, als wenn niemand zuvor gedacht hätte, und erst anschließend beginnen sollte, von den anderen zu lernen“ [1].

 

Hannah Arendt, dies wird im Rahmen der Ausstellung an vielen Beispielen deutlich, scheute sich nicht, gegen den gesellschaftlichen Strom zu schwimmen. Sie scheute es nicht, sich mit ihren Überzeugungen zu zeigen und sich für diese einzusetzen. Auch oder vielleicht auch gerade wenn sie sich damit gegen den Zeitgeist stellte. Hatte sie sich mit ihren Überzeugungen in eine Debatte eingebracht, so blieb Hannah Arendt jedoch sowohl diskussionsbereit als auch offen für Kritik. Mit der Dringlichkeit, mit der Hannah Arendt verstehen wollte, was um sie herum passiert, korrespondierte die Einsicht, dass ihr Urteil, ihre Haltung einem Ereignis oder einer Entwicklung gegenüber nur als Anfang einer Auseinandersetzung und nicht als ihr Ende verstanden werden kann.

Ob sie richtig lag, wusste Hannah Arendt also nicht. Was sie aber wusste, war, dass sie als Person erschien, dass sie sich zeigte und sich manchmal vielleicht sogar selbst überraschte. Auf diese Weise konnte sie andere an ihrer Navigation durch die Unübersichtlichkeit des 20. Jahrhunderts teilhaben lassen. Sie mischte sich ein, sie agierte mutig und trat nach außen. 

Oder in ihren eigenen Worten: „Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie“ [2].

 

 

 

 

[1] Arendt, Hannah: Ich will verstehen. Texte und Briefe. Hrsg.von Ludz, Ursula, München 2020, S. 113

[2] Arendt, Hannah: Denken ohne Geländer. Texte und Briefe. Hrsg. von Bohnert, Heidi: Stadler, Klaus, München 2019, S. 263