· 

Was ist ein Anliegen und wofür können wir es nutzen?

Vor Kurzem habe ich an einer Love Session des Women‘s Hub teilgenommen. Zu Gast war Prof. Gerald Hüther. Hüther ist von Haus aus Hirnforscher und gründete 2015 die Akademie für Potentialentfaltung.

Thema des Abends waren Dream Teams. Es ging darum, dass ein gemeinsames Anliegen Garant dafür ist, die Potentiale eines jeden Menschen besser zu entfalten, als es ein Mensch alleine könnte. Für Hüther sind Anliegen langfristige Ziele. Es geht nicht so sehr darum, sie zu erreichen, sondern sich an ihnen zu orientieren, sie zu verfolgen. Er sprach von Herzensangelegenheiten, die uns dabei helfen, uns weiterzuentwickeln. 

Folgen wir unseren Anliegen und damit unseren Herzensangelegenheiten gehen wir liebevoll mit uns um. Oder andersherum: Wenn wir liebevoll mit uns umgehen, haben wir ein Anliegen. Und genau aus diesem liebevollen Umgang mit uns selbst, kann ein liebevoller Umgang mit anderen Menschen entstehen, so Hüther. Dann nämlich, wenn wir uns gegenseitig in unseren Wünschen und Bedürfnissen erkennen und ein gemeinsames, ein geteiltes Anliegen entwickeln, für das alle bereit sind, etwas auf sich zu nehmen.

Aus meiner Sicht geht es Hüther darum, sich durch das Verfolgen eines (gemeinsamen) Anliegens ein Stück weit von äußeren Anforderungen unabhängig zu machen. Es geht ihm darum, sich nicht von einem langfristigen Ziel, das man sich selbst gesetzt hat, abbringen zu lassen. Bleibt man seinem Anliegen, seiner Herzensangelegenheit treu, entsteht ein Raum, in dem sich die eigenen Potentiale entfalten und mit den Potentialen anderer verbinden können.  

Wir nutzen unsere Anliegen also bestmöglich, wenn wir uns an ihnen orientieren, indem wir unser Handeln dauerhaft in eine bestimmte Richtung lenken. 

Könnte man ein Anliegen aber nicht auch ganz anders verstehen?

Mein Vorschlag wäre, ein Anliegen nicht als einen langfristig ausgelegten Orientierungspunkt zu begreifen, sondern vielmehr als einen ersten Schritt in eine Richtung, die jedoch nicht von Dauer sein muss. Als etwas, womit wir uns in einer ganz bestimmten Situation zeigen. Als etwas, das in eben dieser Situation unserem Wunsch entspricht, ohne deshalb Teil eines längerfristigen Plans zu sein.

Mit Hannah Arendt und Jacques Derrida, den beiden Philosoph*innen auf die ich mich in meinem Beratungskonzept beziehe, lassen sich Anliegen aus eben dieser Perspektive betrachten. Aus einer Perspektive, die davon ausgeht, dass sich ein Anliegen erst und gerade dann zeigt, wenn wir ohne Orientierung sind. Wenn wir zweifeln. Wenn wir nicht wissen, was das Richtige ist.    

Hannah Arendt bezeichnet diesen Zustand als Denken ohne Geländer. Ich denke, dass wir im Entscheiden immer wieder dazu auffordert sind, ohne Geländer zu denken. Stehen wir vor einer Entscheidung können wir nicht wissen, was das Richtige ist. Denn wüssten wir es, hätten wir unsere Entscheidung bereits getroffen.

Diesen Zustand, nicht zu wissen, was das Richtige ist, zu zweifeln und ohne Orientierung zu sein, empfinden wir oft als Last. Doch dieser Zustand birgt eine Chance. Er birgt die Chance, herauszufinden, was wir selber wollen. Wirklich wollen. Warum sollten wir diese Gelegenheit nicht ergreifen und uns stattdessen an einem langfristigen Plan orientieren, der uns in unserer Entscheidungssituation unter Umständen gar nicht weiterhilft?    

Immer wieder, in jeder Entscheidung zeigen sich also neue Anliegen, etwas, das wir in einer bestimmten Situation einbringen, etwas, womit wir uns im Moment des Entscheidens zeigen möchten. Das Besondere an dieser Sichtweise ist, dass wir immer wieder neue Anliegen entwickeln können. Dass wir unsere Anliegen aus einer bestimmten Situation heraus kreieren und sie dafür nutzen, diese Situation aktiv zu gestalten. Warum sollten wir darauf verzichten?